Woher das Wichteln kommt und wie es anderswo heißt
Das Prinzip kennt jeder: einen Namen ziehen, nur für diese Person kaufen und bis zur Bescherung nichts sagen. Kaum jemand weiß dagegen, dass der Begriff “Secret Santa” kaum älter ist als der Kopierer — und dass das halbe Europa dasselbe Spiel unter einem völlig anderen Namen spielt.
Ein amerikanischer Name für eine ältere Gewohnheit
Der englische Ausdruck verbreitete sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in amerikanischen Büros. Davor hieß derselbe Austausch in Teilen der USA Pollyanna — nach der unerschütterlich fröhlichen Heldin eines Romans von 1913, ein Name, der rund um Philadelphia bis heute benutzt wird.
Die Idee ist viel älter als das Etikett. Zu losen, wer wem etwas schenkt, ist eine sehr alte Lösung für ein sehr praktisches Problem: eine Runde, die sich beschenken will, ohne dass jemand pleitegeht. Was das zwanzigste Jahrhundert hinzufügte, war das Büro — und damit der Bedarf an einer Regel, die alle gleich behandelt, unabhängig vom Gehalt.
Wichteln, im deutschsprachigen Raum
Ein Wichtel ist ein Hausgeist, jene kleine hilfreiche Gestalt, die nachts Dinge hinterlegt. Wichteln ist das Verb dazu, und so heißt der Austausch in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Aus dem deutschsprachigen Raum stammen auch die einfallsreichsten Varianten überhaupt:
- Schrottwichteln — jede Person bringt etwas Hässliches, Nutzloses oder ohnehin im Schrank Vergessenes mit. Der Wettbewerb gilt dem schlechtesten Geschenk, nicht dem besten.
- Räuberwichteln — die Raubversion, bei der ein bereits ausgepacktes Geschenk gestohlen werden darf.
- Motto-Wichteln — ein vorab festgelegtes Thema: nur selbstgemacht, nur essbar, nur blau.
Amigo invisible, in Spanien und Lateinamerika
Der unsichtbare Freund. Der Name sagt etwas, was der englische nicht sagt: Es geht nicht ums Schenken, es geht ums Nicht-gesehen-Werden.
Spanischsprachige Runden hängen oft eine Rateduelle an. Vor der Auflösung versucht jeder herauszufinden, wer ihn gezogen hat, manchmal mit Hinweisen, die über die Wochen davor gestreut wurden. Aus zwei Minuten wird so ein ganzer Abend.
Lootjes trekken, in den Niederlanden und Belgien
Niederländische Familien losen für Sinterklaas am 5. Dezember statt für Weihnachten, und ihre Version verlangt am meisten. Zwei Traditionen gehören dazu:
- De surprise — das Geschenk steckt in etwas Selbstgebautem, oft aufwendig, meist aus Karton und Pappmaché, über mehrere Abende gefertigt.
- Het gedicht — ein neckisches, aber liebevolles Gedicht, das vor dem Auspacken vorgelesen wird.
Eine niederländische Auslosung findet deshalb Wochen vorher statt, denn das Basteln dauert länger als das Einkaufen.
Kris Kringle, in Irland und Australien
Von Christkindl. Der Name reiste nach Irland und Australien und blieb dort, während der Rest der englischsprachigen Welt zu Secret Santa wechselte. Die Regeln sind dieselben; nur das Etikett hat die Reise überlebt.
Babbo Natale segreto, in Italien
Die wörtlichste Übersetzung von allen und die jüngste. Italienische Runden halten den Austausch oft im Büro und im Freundeskreis, nicht in der Familie, wo die Geschenke weiterhin an alle gehen.
Was alle Versionen teilen
Nimm die Namen weg, und überall bleiben dieselben drei Regeln:
- Jede Person beschenkt genau eine andere.
- Niemand kennt alle Zuteilungen.
- Ein Geschenk, ein Budget, vorher vereinbart.
Das ist der ganze Mechanismus. Der Rest — die Gedichte, der Raub, die absichtlich furchtbaren Geschenke — ist Beiwerk, das eine Runde hinzufügt, damit der Abend ihr gehört.
Eine Version für eure Runde wählen
Die aufwendigen Varianten verlangen, was die einfachen nicht verlangen: Zeit, und eine Runde, die sie investieren will. Eine niederländische surprise kostet Abende. Eine Rateduelle setzt alle im selben Raum voraus. Schrottwichteln setzt eine Runde voraus, die ein schlechtes Geschenk nicht persönlich nimmt.
Geht von der Runde aus, nicht von der Tradition. Dann lost die Namen aus, legt das Budget fest, und lasst den Rest in Ruhe.